"Ohne die gebauten Zeugnisse waere allein aus Buechern Geschichte nicht zu begreifen."

Gottfried Kiesow | Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz | aus einem Interview des MDR im November 2005

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TEXTE UND ZITATE

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LEIDENSCHAFTLICH FUER DAS KUEHLE

Das Netzwerk "Ostmoderne" fuehrt einen zeitdiagnostischen und geschichtsphilosophischen Diskurs

Mitte der siebziger Jahre lief im Osten ein recht prophetischer Witz um: Wie wohl im Jahr 2000 die Landkarte der DDR aussaehe, wurde da gefragt, um sogleich bereitwilligst Auskunft zu geben. Das ganze Land sei dann natuerlich gelb, flaechendeckend von China uebernommen. Bis auf fuenf rote Punkte! Das seien die Centrum - Warenhaeuser. Die allein noch wuerden mit heissem Herzen von tapferen Polen verteidigt.

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2006 und die Ironie der Geschichte hat es gewollt, dass die damaligen Flagschiffe der DDR-Konsumkultur tatsaechlich zu Kondensationskernen einer bemerkenswert agilen Protestkultur geworden sind. An dem Schicksal der ensemblepraegenden Kaufhaeuser am Alex in Berlin, in Dresden, Leipzig, Hoyerswerda und Suhl fokussiert sich aktuell die Frage nach dem Umgang mit dem baukulturellen Erbe der DDR, ja nach der Ernsthaftigkeit aktueller Baukulturdebatten ueberhaupt. Busfahrer und Bibliothekarinnen, Designer und DJs, Geowissenschaftler und Therapeuten geben sich derzeit auf entsprechenden Webseiten die Klinke in die Hand, um der Schoenheit an sich, der kollektiven Erinnerung oder der stadtentwicklungspolitischen Behutsamkeit das Wort zu sprechen. Das es bevorzugt die Kaufhaeuser sind, die emphatische Liebesbekundungen und fachlichen Beistand eines zwischen Wien und Hamburg, Warschau und Koeln gespannten Netzwerkes auf sich ziehen, ist kein Zufall.

Wie der Plattenbau P2, in dessen Betrachtung man recht gut Spezifik und Grenzen von Privatheit im Staatssozialismus reflektieren kann, so stehen auch die Handelsbauten fuer die Alltagsseite der DDR. Im Stadium hoechster Konvergenz der Systeme verkoerperten sie ab Mitte der sechziger Jahre als Schnittstellen zwischen Warenproduktion und Massenkonsum das wirtschaftliche Wesen des Staatsunternehmens. Aber Kaufhaeuser waren in der DDR zugleich viel mehr als eine rein kommerzielle Infrastruktur. Als Beitrag zur Modernisierung der Stadtzentren waren sie den Staedtebauern sehr willkommene Anlaesse, die Komposition der zentralen Ensembles zu akzentuieren und topografisch individuell zu markieren. Im Kontrast zu den Lochfassaden der Wohn- und Gesellschaftsbauten boten sich die Kaufhaeuser dank ihrer hinterluefteten Fassaden als idealer Traeger fuer konstruktivistisch- kuehle, zeitlos schoene Kunst an. Anders als die bildkuenstlerisch pathetisch aufgeladenen Kulturhaeuser, an dessen oeffentlichen Schauseiten obligate Sujets wie der "Weg der Roten Fahne" ausgestellt wurden, konnten sich an den typologisch niederrangigen Kaufhaeusern auch abstrakte Kuenstler verwirklichen. So wurden die Kaufhaeuser unversehens zum bevorzugten Medium einer um 1965 aus dem Realismus-Dogma ausbrechenden Kunst, einer elementar materialaesthetischen Moderne, die - mit den Worten von Adolf Behne - nicht mehr laenger "ein Schoenes darstellt, sondern selbst ein Schoenes ist."

Neben der von Werner Neumann perfekt gestalteten Kugelaussenhaut des Berliner Fernsehturms oder den hyperbolischen Paraboloiden des Schalenbauers Ulrich Muether gebuehrt vor allem dem Suhler Centrum-Warenhaus der Rang eines stilbildenden architektonischen Ereignisses.

Trotz eines Anbaues und punktueller Veraenderungen waehrend der neunziger Jahre entfaltet das Bauwerk im seither kommerziell aufgedunsenen Suhler Stadtzentrum auch heute noch eine Aura von Kreativitaet und Intelligenz. "Dieses Gebaeude strahlt noch immer den Charme der Zukunft aus, auch wenn es schon vor Jahrzehnten erbaut wurde, so ist es doch immer noch einzigartig schoen", drueckt ein Unterstuetzer seine Empfindungen aus. In der Tat lebt das Suhler Kaufhaus von seiner urspruenglich umlaufend gestalteten Fassade und diese kuenstlerisch gestaltete Durchbruchsfassade von Fritz Kuehn ist zugleich Architektur geworden. Den autonom poetischen Wert des Ausdrucks aber hatten die Architekten um ein sehr handfestes Element konkreter Utopie ergaenzt: Auf dem offenen Dach, einer Flaeche groesser als jeder thueringische Marktplatz, befand sich ein Kindergarten mit Plansche und ein Besucherrestaurant mit herrlicher Aussicht auf die Stadt am Rennsteig.

Auf diese gesellschaftstypische Weise, Fuersorge und sensiblen Muessiggang verknuepfend, draengte der baukulturelle Mehrwert weit ueber die engere Zweckbindung an Handel und Wandel hinaus.

Simone Hain im September 2006

Professorin fuer Stadt- und Baugeschichte an der TU Graz (vorher Gropius-Professur | Bauhaus-Uni Weimar)

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UND DAS LICHT SCHEINET IN DER FINSTERNIS DOCH DIE FINSTERNIS HATS NICHT BEGRIFFEN (Joh. 1,5)

Dieses Bibelwort meisselte Fritz Kuehn 1959 in einen Stahlblock. Auf der Rueckseite fuegte er das Kreuz in die Ebene der vertikal aufsteigenden Flaeche. Das Wesen jedes Metalls zu erforschen, bemuehte er sich lebenslang und wurde Inhalt seiner Kunst. Er fand so zu seiner von innen heraus kraftvoll wirkenden Sprache, die er anwandte, ob bei einem Kirchengeraet, einem Leuchter, bei einer seiner unzaehligen Skulpturen oder auch bei einer Fassade.

Sein umfangreicher Nachlass als Fotograf wurde von der Fachwelt anerkannt als wichtiger Beitrag zur deutschen Fotografie. Sein bereits 1938 herausgegebenes Fachbuch "Geschmiedetes Eisen" gilt seitdem offiziell als Lehrbuch und erreichte bisher 17 Auflagen. Als Stahlgestalter blieb er einzigartig in seiner Zeit. Sein Werk erlangte Weltruf. Fritz Kuehn gehoert zu den wenigen Kuenstlern, die es in Zeiten des Kalten Krieges und nach dem Bau der Mauer vermochten, mit ihren Werken Zeichen einer deutsch-deutschen Gemeinsamkeit zu setzen. Er realisierte Kunst-am-Bau-Projekte im Auftrage von Staedten, Gemeinden und den Kirchen in beiden Teilen Deutschlands.

In einem 2003 erstellten Fachgutachten der Stiftung Preussischer Kulturbesitz wird dokumentiert:

"Die kuenstlerische Bedeutung Fritz Kuehns ... steht fuer uns ausser Frage. Zusammenfassend laesst sich sagen, dass das umfangreiche, hochrangige Werk Fritz Kuehns als Kunstschmied und Stahlgestalter ihn als einen der wichtigsten Kuenstler in Deutschland in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten ausweist."

Auftragswerken dieses Kuenstlers Schutz zu gewaehren, sollte man meinen, verstuende sich von selbst. Leider gruendet sich die Arbeit der Verantwortlichen fuer Bau- und Kulturpolitik des Freistaates Thueringen nicht auf den unbedingten Erhalt einmaligen Kunst- und Kulturgutes. Auch ignorieren sie hartnaeckig die vielen qualifizierten Mahner ebenso wie die Appelle zum Erhalt des Werkes der Buerger aus Suhl, aus Thueringen, aus Deutschland und ganz Europa. Buergerschaftliches Engagement anzuerkennen und kreative Vorschlaege zu pruefen, um Wege zu ebnen, ein einzigartiges Baukunstensemble vor Vernichtung zu bewahren, fand wortgewaltige Ablehnung. Im Oktober 2006 beginnt - ausgestattet mit den erforderlichen Genehmigungen - die Verschrottung der Fassade. Dieser sinnlosen Vernichtung von Kunst wenige Jahre nach der Vereinigung Deutschlands nicht einmal ansatzweise Einhalt zu gebieten, legt beredt Zeugnis ab, welcher Stellenwert im Freistaat Thueringen einzigartiger Kunst vergangener Epochen beigemessen wird.

Als Verwalterin des umfangreichen Nachlasses von Fritz Kuehn habe ich konzentriert und mit hohem Kraft- und Zeitaufwand versucht, sowohl auf die Einmaligkeit als auch auf die ueberregionale Bedeutung aufmerksam zu machen. Es sollte ein verantwortliches Handeln begruenden, um das Werk dieses Einzelgaengers auch im Freistaat Thueringen und insbesondere nach dem friedlichen Ende der politischen Teilung fuer nachkommende Generationen zu erhalten. Das ist nicht gelungen.

Andererseits aber habe ich ein ueberwaeltigendes Echo erfahren duerfen bis hin zu einer europaweit wirksamen Aufmerksamkeit fuer dieses Thema.

Hierfuer moechte ich an dieser Stelle jedem Einzelnen danken, der nach bekannt werden der Vernichtungsplaene mit seiner Stimme, seinen Ideen und seiner Kreativitaet den Erhalt des Werkes einforderte.

Unser aller buergerschaftliches Engagement wird Fruechte tragen. Die europaeische Fachwelt ist aufmerksam geworden.

Helgard Kuehn im Oktober 2006

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